9 Februar 2026

Frank Wiekhorst, Februar 2026
Ich verstehe, warum linke Politik historisch entstanden ist. Ich verstehe sogar, warum ihr Grundreflex „Jemand ist schuld“ so verführerisch ist.
Wenn du in einer Welt lebst, in der du wenig hast, wenig Schutz, wenig Stimme – dann ist die Idee, dass es einen klaren Täter geben muss, nicht nur plausibel. Sie ist psychologisch entlastend. Sie ordnet Chaos. Sie gibt Richtung. Und sie erzeugt Gemeinschaft.
Nur: Was als verständliche Diagnose begann, ist vielerorts zu einer dauerhaften Weltsicht geworden. Das passiert, wenn ein Erklärungsmodell nicht mehr an der Wirklichkeit geprüft wird, sondern die Wirklichkeit an ihm. Dann wird jede neue Information automatisch in dieselbe Schablone gepresst: Hier die Betroffenen, dort die Verantwortlichen; hier das Gute, dort das Systemische Böse.
Das ist attraktiv, weil es Komplexität reduziert. Aber es hat Nebenwirkungen: Es macht blind für Zielkonflikte, es entwertet Kooperation als „Kompromiss mit dem Feind“, und es belohnt die schärfste Anklage mehr als die beste Lösung. Am Ende bleibt eine Politik, die permanent Recht haben muss – und deshalb immer seltener etwas hinbekommt.
Der Schuld-Reflex: verständlich – aber als Prinzip zerstörerisch
„Jemand ist schuld“ war in der Entstehungsgeschichte der Arbeiterbewegung mehr als ein Slogan. Es war ein Deutungswerkzeug in einer Zeit realer Machtasymmetrien. Und diese Machtasymmetrien waren nicht theoretisch. Sie waren körperlich.
In den frühen Industriezentren Großbritanniens – Manchester ist das klassische Symbol – standen ganze Familien in Fabrikhallen, in denen Zeit nicht in Stunden gemessen wurde, sondern in Schichten. Zwölf, vierzehn, sechzehn Stunden waren keine Übertreibung, sondern Alltag. Arbeitsschutz war rudimentär oder nicht existent. Wer sich verletzte, verlor nicht nur Gesundheit, sondern Einkommen – und damit sofort die Existenzgrundlage.
Und es war nicht nur England. Auch in Deutschland – im Ruhrgebiet, in den Textilregionen, in den wachsenden Städten – entstand ein neues Proletariat: Menschen, die aus ländlichen Strukturen in eine industrielle Logik fielen, in der sie austauschbar waren. Wohnraum war knapp, Hygiene schlecht, Krankheiten verbreitet. Kinderarbeit war nicht die Ausnahme, sondern Teil der ökonomischen Kalkulation.
In so einer Lage ist es nicht „Neid“, wenn Menschen sich organisieren. Es ist Selbstschutz. Es ist der Versuch, Würde, Sicherheit und Verhandlungsmacht zurückzugewinnen.
Und: Es wäre intellektuell unredlich, diesen Teil der Geschichte kleinzureden. Es ist ein nicht zu leugnender Erfolg der Arbeiterbewegung und der Sozialdemokratie, dass viele dieser Missstände Schritt für Schritt aufgelöst wurden – durch Organisation, politische Repräsentanz, Arbeitsrecht, soziale Sicherung und die zähe Arbeit an Institutionen.
Man kann das nüchtern sagen: Ohne diesen Druck gäbe es vieles nicht oder später.
- Begrenzung von Arbeitszeiten und Schutz vor Willkür
- weniger Kinderarbeit und mehr Zugang zu Bildung
- Absicherung bei Krankheit, Unfall, Alter
- die Idee, dass Arbeit nicht nur Ware ist, sondern auch Würde
Gerade deshalb ist der nächste Satz wichtig: Das Problem beginnt dort, wo aus einem berechtigten historischen Zugriff ein automatischer Reflex wird.
Als allgemeines Deutungsmuster trägt diese Logik heute nicht mehr – nicht weil sie nie wahr war, sondern weil sie sich verselbstständigt.
Denn sobald Politik dauerhaft über Schuld organisiert wird, braucht sie – fast zwangsläufig – drei Rollen, die sich gegenseitig stabilisieren:
- einen Verantwortlichen
- einen Betroffenen
- und einen Konflikt, der nicht einfach „gelöst“, sondern immer wieder neu erzählt werden muss
Ab diesem Punkt wird aus berechtigter sozialer Sensibilität ein selbsttragender Mechanismus: Er erzeugt Bindung, Orientierung und Mobilisierung – aber er macht es schwer, in den Modus von Abwägung, Kompromiss und gemeinsamer Gestaltung zu wechseln.
Klassenkampf als DNA: Ohne Feindbild keine Existenz
Linke Politik trägt – in ihrer klassischen Form – den Konflikt in der DNA. Klassenkampf ist nicht nur Methode, er ist Identität.
Und hier liegt die Ironie: Je erfolgreicher Reformen waren, desto weniger taugt der ursprüngliche Ausnahmezustand als Dauerbegründung. Wenn Arbeitsrecht, Sozialstaat und Mitbestimmung reale Fortschritte gebracht haben, müsste Politik eigentlich in den Modus wechseln, den Erwachsene beherrschen: Abwägen, Priorisieren, Kompromisse bauen.
Doch wer sich über Konflikt definiert, kann nicht einfach in Normalbetrieb übergehen. Dann wird der Gegner nicht mehr als historisches Problem behandelt, sondern als notwendige Figur. Und der Ton bleibt Kriegsmodus, auch wenn die Lage längst komplexer ist.
Und Identität hat eine Eigenlogik: Sie sucht Bestätigung.
Darum wirkt es oft so, als bräuchten „die Linken“ das kapitalistische oder imperialistische Böse als Existenzgrundlage. Nicht zwingend, weil einzelne Menschen böse Absichten hätten. Sondern weil das System ohne Gegenspieler nicht funktioniert.
Wenn der Konflikt gelöst wäre, müsste man plötzlich über etwas anderes sprechen:
- über Zielkonflikte
- über Knappheit
- über Verantwortung
- über unbequeme Trade-offs
Das ist anstrengend. Schuld ist einfacher.
Epistemik des Verdachts: Wenn Moral Analyse ersetzt
Ein Grundreflex, der mich immer wieder irritiert, ist die Unterstellung niederer Absichten.
Und ich meine das nicht als psychologisches Rätsel, sondern als Denkfigur, die sich aus dem Vorherigen fast logisch ergibt: Wer Politik über Gegenspieler organisiert, wer Identität aus Konflikt zieht, der wird den anderen nicht mehr zuerst als Partner prüfen, sondern als Verdacht behandeln.
Das ist nicht nur eine Frage des Tons. Es ist eine Frage der Erkenntnistheorie.
Denn in dem Moment, in dem Verdacht Prüfung ersetzt, verschiebt sich der Maßstab. Man fragt nicht mehr: Was ist der Mechanismus? Man fragt: Wer ist der Schuldige?
Und in dem Moment, in dem Moral Analyse ersetzt, wird Komplexität moralisch abgekürzt. Strukturen, Anreize, Nebenwirkungen, Zielkonflikte – all das wird zweitrangig gegenüber der Frage nach der „richtigen“ Gesinnung. Und in diesem Punkt kommt es dann zum erstaunlichen Schulterschluss mit extrem rechten Gruppierungen und Parteien.
Schließlich wird dann Erfolg zum Indiz, Gewinn zum Beweis, und jede Handlung wird vorab interpretiert – nicht nach ihren Effekten, sondern nach dem vermuteten Charakter des Handelnden.
Unternehmer sind dann nicht Menschen, die etwas aufbauen, Risiken tragen, Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. Sie sind „die anderen“. Sie sind personifizierter Verdacht in Maßanzügen. Man weiß, wer der Feind ist.
Das ist bequem, weil es die Realität nicht mehr prüfen muss. Und es ist gefährlich, weil es Kooperation zerstört. Denn Kooperation braucht eine Grundannahme: Dass der andere nicht automatisch ein Schurke ist.
Protest als Universalrezept: zu simpel für komplexe Systeme
Konfliktbereitschaft, Protest, Verweigerung – als allgemeingültiges Grundrezept für wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme – ist mir zu einfach.
Nicht weil Protest nie berechtigt wäre. Sondern weil Protest als Dauerhaltung eine Ersatzhandlung wird.Er erzeugt das Gefühl von Handlung, ohne zwingend Handlung zu sein. Er ist laut. Aber er ist nicht automatisch wirksam. Und er ist oft nicht präzise genug, um echte Probleme zu lösen. Komplexe Systeme reagieren nicht auf moralische Empörung. Sie reagieren auf Mechanik.
Rechte über Realität: Wenn Anspruch Wirklichkeit ersetzt
Manchmal habe ich den Eindruck, die eigenen Rechte seien mehr wert als Realität. Als könne man durch Forderung die Welt so lange beschimpfen, bis sie sich fügt. Aber Realität ist kein Diskussionspartner. Knappheit lässt sich nicht wegfordern. Zielkonflikte lassen sich nicht wegmoralieren. Und Verantwortung lässt sich nicht outsourcen.
Die aktuelle deutsche Debatte über das Renteneintrittsalter ist dafür ein Lehrstück. Rente ist eine Absicherung am Lebensabend – nicht die Finanzierung eines jahrzehntelangen Lebensabschnitts. Es ist doch etwas Positives, dass wir heute länger leben. Aber genau daraus folgt etwas Unromantisches: Selbstverständlich muss das Rentenalter angepasst werden.
Und es kommt ein zweiter Faktor dazu, über den man nicht moralisch abstimmen kann: Eine ganze Generation hat kollektiv beschlossen, weniger Kinder zu bekommen. Auch das verändert die Statik des Systems.
Wer sich hier gegen die Mathematik stellt, dem ist auch zuzutrauen, eine Petition gegen die Schwerkraft zu verfassen – nicht als Spott über Menschen, sondern als Spott über Denkfehler: Man kann Naturgesetze nicht wegfordern, auch wenn sie unbequem sind. (Und ja: Die Schwerkraft ist für die Masse der Unfälle auf diesem Planeten verantwortlich.)
Das ist der Punkt: Rechte sind keine Zaubersprüche. Man kann Ansprüche formulieren, man kann Prioritäten setzen, man kann Lasten fair verteilen. Aber man kann Wirklichkeit nicht wegfordern.
Delegierte Verantwortung: Fordern und Protest als Ohnmachts-Training
Wer auf seine Rechte pocht, erwartet eine – mit Sicherheit auch begründete – Handlung außerhalb seines Wirkungshorizonts. Wer immer nur fordert, will im Kern, dass jemand anderes etwas für ihn tut.
Das klingt hart. Aber es ist eine nüchterne Beobachtung: Forderung ist nicht nur ein politisches Instrument. Sie ist auch eine psychologische Entlastung. Sie verschiebt Verantwortung nach außen. Sie macht aus mir den Kläger – und aus einem anderen den Zuständigen.
Das kann im Einzelfall berechtigt sein. Es gibt Situationen, in denen Menschen tatsächlich keine Macht haben und Forderung der einzige Hebel ist. Aber wenn Fordern zur Grundhaltung wird, passiert etwas Strukturelles: Man trainiert nicht Gestaltung, sondern Delegation.
Und Delegation hat eine Nebenwirkung, über die selten gesprochen wird: Sie erzeugt Abhängigkeit. Denn wer seine Handlungsfähigkeit dauerhaft an einen Gegner, an „die da oben“ oder an „das System“ bindet, braucht diesen Adressaten, damit die eigene Identität stabil bleibt.
An dieser Stelle wird Protest oft zur logischen Fortsetzung. Protest ist dann nicht mehr nur Widerstand, sondern ein Bekenntnis: Ich kann es nicht selbst lösen. Das kann ein legitimer Zwischenzustand sein. Aber als Dauerzustand wird es zur Selbstdefinition über Ohnmacht.
Und wer sich über Ohnmacht definiert, wird unbewusst alles meiden, was echte Handlungsfähigkeit erfordert: Verantwortung, Risiko, Kompromiss, Geduld und Aufbauarbeit.
Schluss: Ich will Gestaltung – nicht Verwaltung der Unzufriedenen
Ich habe kein Interesse daran,
- Konflikte zu verwalten, weil sie politisch nützlich sind
- Konflikte zu schüren, nur damit sich Identität daran festhalten kann.
- Feindbilder zu pflegen, nur damit sich Kräfte leichter bündeln lassen.
- moralische Eindeutigkeit zu feiern, wenn sie praktische Lösungen verhindert.
- Empörung zu kultivieren, wenn sie am Ende nur Ersatz für Gestaltung ist.
- Politik als Bühne zu benutzen, auf der man recht behält, statt etwas hinzubekommen
- Kompromisse als Verrat zu beschimpfen, nur damit das eigene Lager sich sauber fühlt
- Verantwortung zu delegieren und es dann „Haltung“ zu nennen
- die Welt in Schuldige und Unschuldige zu sortieren, wenn die Wirklichkeit Zielkonflikte hat
- jedes Problem zuerst als Machtfrage zu deuten, bevor ich es als Mechanik verstanden habe
- Menschen zu reduzieren – auf Klasse, Gruppe, Herkunft oder Gesinnung – nur damit das Weltbild passt
Darum werde ich niemals politisch links sein. Nicht, weil ich gegen soziale Verantwortung wäre. Sondern weil ich für etwas anderes bin:
- Kooperation statt Klassenkampf
- Verantwortung statt Forderungs-Identität
- Realitätssinn statt moralischer Abkürzung
- Gestaltung statt Protest als Lebensform
Wenn du willst, dass sich etwas ändert, musst du dich als Akteur begreifen – nicht als Kläger.
Und wenn du das nicht kannst, dann ist die ehrlichste Frage nicht: „Wer ist schuld?“ Sondern: „Was ist mein nächster Schritt in Richtung Handlungsfähigkeit?“
Frank Wiekhorst


