13 Februar 2026

Eine nüchterne Rechenübung darüber, was Enteignung finanziell wirklich bringt – und warum Einmaleffekte keine Staatsfinanzierung sind
Frank Wiekhorst, Februar 2026
Ich habe diese Debatte satt. Nicht, weil sie „zu links“ wäre. Sondern weil sie so oft nach dem gleichen Muster funktioniert: Man nimmt ein echtes Problem, klebt ein bequemes Feindbild drauf – und verkauft das Ganze als moralische Abkürzung.
„Die da oben sollen zahlen.“
Klingt gut. Fühlt sich gut an. Und entlastet zuverlässig von der unangenehmen Frage, die eigentlich auf dem Tisch liegt: Was kostet unser Staat – und wie finanzieren wir ihn dauerhaft, ohne das Betriebssystem unserer Gesellschaft zu beschädigen?
Also machen wir heute etwas Unromantisches. Wir rechnen.
Nicht, um Milliardäre zu verteidigen. Sondern um eine Fantasie zu entzaubern, die in Deutschland regelmäßig wie ein Gespenst durch linke Kreise zieht: Enteignung. Oder die modernere Variante: einmalige Vermögensabgabe – als wäre das ein Geldautomat, den man nur kräftig genug schütteln muss.
Erstmal die Referenz: Wie viel „Steuergeld“ hat Deutschland pro Jahr?
Bevor wir über „Enteignung“ sprechen, brauchen wir eine Zahl, die jeder versteht: Wie viel nimmt der Staat in Deutschland pro Jahr an Steuern ein – insgesamt, also Bund, Länder und Kommunen?
Für 2024 liegt diese Größenordnung bei 947,7 Milliarden Euro Steuereinnahmen.
Das ist die Messlatte. Das ist der jährliche Strom, aus dem alles bezahlt wird: Infrastruktur, Bildung, Polizei, Verteidigung, Sozialausgaben, Verwaltung, Zinslast, Förderprogramme, Kultur, der ganze Laden.
Merke: Steuern sind ein jährlicher Zufluss.
Das Gedankenexperiment: Wir enteignen alle deutschen Milliardäre
Jetzt spielen wir die Fantasie einmal durch – so fair wie möglich. Ich mache es sogar „sportlich“, also mit Annahmen, die eher zu großzügig als zu streng sind.
Also: Wir gönnen uns einmal das komplette Wunschdenken. Keine Nebenwirkungen, keine Fluchtreaktionen, keine Preisabschläge, keine Kollateralschäden. Einfach: zack – und das Geld ist da. Und dann rechnen wir.
Annahme A: Wie viele Milliardäre, wie viel Vermögen?
Nehmen wir als grobe Arbeitsannahme:
- 249 Milliardäre in Deutschland
- Gesamtvermögen: 1.000 Milliarden Euro (also eine Billion)
Ob es am Ende 700 Milliarden sind oder 1,2 Billionen – für die Logik ist das nicht entscheidend. Wir brauchen eine Größenordnung.
Annahme B: Wie viel davon ist „Geld“, das man in die Staatskasse kippen kann?
Und jetzt kommt der Punkt, an dem politische Fantasien meistens anfangen zu schweben: Vermögen ist nicht gleich Bargeld.
Milliardärsvermögen besteht in der Regel aus Unternehmensanteilen, Beteiligungen, Immobilien, Patenten, Markenwerten – also aus Dingen, die man besitzen kann, aber nicht wie Münzen aus der Hosentasche schüttelt.
Aber gut. Wir sind heute sportlich.
Wir tun so, als wären 60 % dieses Vermögens „Cash“ oder sofort verwertbar.
Das ist, nebenbei, schon die erste Stelle, an der man leise lachen darf. Denn wer glaubt, Milliardäre hätten 60 % ihres Vermögens als Bargeld herumliegen, glaubt vermutlich auch, dass ein DAX-Konzern ein Sparschwein ist.
Aber: Wir rechnen mit 60 %.
- 1.000 Milliarden Euro Gesamtvermögen
- davon 60 % „Cash“
Ergebnis: 600 Milliarden Euro.
Und jetzt die Pointe: 600 Milliarden sind nicht „alles“ – es ist nicht mal ein Steuerjahr
Jetzt nehmen wir diese 600 Milliarden Euro und stellen sie neben die Referenzzahl von eben:
- Steuereinnahmen Deutschland pro Jahr: 947,7 Milliarden Euro
- Enteignungs-Erlös (sportlich gerechnet): 600 Milliarden Euro
Das Verhältnis ist simpel:
600 / 947,7 ≈ 0,63
Das heißt: Selbst wenn du alle deutschen Milliardäre enteignest und dabei so tust, als wäre der Großteil ihres Vermögens sofort als Geld verfügbar, dann kaufst du dir damit ungefähr 63 % eines Steuerjahres.
Oder anders gesagt: Du finanzierst den Staat nicht „neu“. Du kaufst dir Zeit.
Und weil Politik selten in „Steuerjahren“ denkt, sondern in Legislaturperioden, kann man die Fantasie noch alltagstauglicher rechnen: 600 Milliarden über vier Jahre gestreckt sind 150 Milliarden pro Jahr.
Das ist dann nicht „die neue Welt“. Das ist – im besten Fall – ein dicker Puffer. Ein Wahlgeschenk mit Ablaufdatum.
Und hier liegt die eigentliche Pointe: Das ist keine Lösung. Das ist eine Zwischenfinanzierung – mit dem Charme, dass du dir dabei die künftigen Einnahmen gleich mit beschädigst.
Bis hierhin war das die bequeme Version der Geschichte: eine Zahl, ein Einmaleffekt, ein politischer Sieg.
Jetzt kommt der Teil, den Fantasien systematisch ausblenden: Wie wird aus „Vermögen“ überhaupt Geld – und was passiert unterwegs mit Vertrauen, Investitionen und dem Steuerstrom?
Und dann?
Dann ist der Einmaleffekt weg.
Einmaleffekt ist das Schlüsselwort (oder: die Kuh ist danach geschlachtet)
Das ist der Punkt, den viele in dieser Debatte nicht hören wollen: Einmalige Einnahmen lösen keine dauerhaften Ausgaben.
Wenn dein politisches Modell darauf basiert, dass du einmal einen großen Brocken Geld holst, dann hast du danach zwei Probleme:
- Der Brocken ist weg.
- Die Ausgaben laufen weiter.
Das ist wie ein Haushalt, der die Heizung bezahlt, indem er einmal den Dachstuhl verheizt. Es wird kurz warm. Und danach wird es sehr grundsätzlich kalt.
Wer also ernsthaft glaubt, Enteignung sei eine „Finanzierungsstrategie“, der verwechselt Einnahmen mit Substanz.
Jetzt zurück in die Realität: Vermögen ist kein Geldschein
Bisher waren wir großzügig. Jetzt werden wir erwachsen.
Denn in der Realität ist es nicht so:
„Der Staat enteignet und hat am nächsten Morgen 600 Milliarden Euro auf dem Konto.“
In der Realität ist es so:
- Du enteignest Unternehmensanteile.
- Du musst sie verkaufen, um daraus Haushaltsgeld zu machen.
- Du findest Käufer – in einem Umfeld, in dem jeder weiß, dass Deutschland gerade Rechtssicherheit neu verhandelt.
Und dann passiert etwas, das in politischen Fantasien selten vorkommt: Preise reagieren.
Wer glaubt, man könne große Vermögenswerte unter politischem Druck schnell liquidieren, ohne dass die Preise einbrechen, hat noch nie versucht, ein Haus in drei Tagen zu verkaufen.
Und wer glaubt, es gäbe in so einem Szenario eine Schlange von Investoren, die begeistert deutsche Unternehmenspakete kaufen, während der Staat gerade demonstriert, dass Eigentum situativ ist, der hat ein sehr poetisches Verhältnis zur Wirklichkeit.
Du bekommst also nicht den „Papierwert“.
Du bekommst Abschläge.
Und du bekommst Nebenwirkungen.
Die Nebenwirkung, über die man nicht gerne spricht: Vertrauen ist ein Vermögenswert
Ich bin gegen Enteignung nicht, weil ich Milliardäre für Heilige halte.
Ich bin dagegen, weil ich an Rechtssicherheit glaube.
Rechtssicherheit ist kein Luxus. Sie ist das Betriebssystem einer Gesellschaft.
Und sie ist etwas anderes als „Mehrheit entscheidet“.
Wenn zehn Menschen essen gehen und am Ende demokratisch beschließen, dass einer die Rechnung zahlt, dann werden sich beim nächsten Mal nicht mehr viele Leute zum Essen verabreden. Nicht, weil sie geizig wären – sondern weil das Spiel kaputt ist.
Genau so funktioniert es mit Eigentum und Vermögen: Die Masse kann nicht beliebig beschließen, dass die wenigen die Zeche zahlen – und dann erwarten, dass die wenigen weiterhin investieren, aufbauen, Risiken tragen und hier bleiben.
Das ist kein moralisches Argument. Das ist ein Systemargument.
Denn Rechtssicherheit heißt: Regeln gelten vorher, nicht nachher. Sie gelten für alle, nicht nur für die Unbeliebten. Und sie gelten auch dann, wenn es politisch gerade bequem wäre, sie zu biegen.
Und noch etwas: Selbst wenn du die Unternehmen „einfach“ verstaatlichst, verschwindet das Problem nicht – es ändert nur die Form. Steuereinnahmen sind auch eine Funktion von Wertschöpfung, Investitionen und Standortvertrauen. Wenn Kapital, Köpfe und Entscheidungen abwandern oder Investitionen ausbleiben, dann wird der jährliche Steuerstrom kleiner.
Das ist nicht moralisch. Das ist betriebswirtschaftlich.
Die „einmalige Vermögensabgabe“ ist keine harmlose Alternative
Manche weichen dann aus: „Na gut, dann eben keine Enteignung. Dann machen wir eine einmalige Vermögensabgabe.“
Das klingt zivilisierter. Es ist aber im Kern das gleiche Signal: Vermögen ist in Deutschland nicht nur dein Risiko – es ist auch politisch verfügbar.
Und dieses Signal bleibt. Für alle.
Denn jeder, der heute Vermögen aufbaut – Unternehmer, Selbstständige, Familien, Investoren – lernt daraus eine simple Lektion: Wenn es eng wird, greift die Politik in die Substanz.
Das ist der negative Vertrauenseffekt, über den man in dieser Debatte fast nie spricht. Er ist nicht spektakulär. Er ist schleichend. Und er ist langfristig.
Wer einmal gesehen hat, dass der Staat „einmalig“ zugreift, kalkuliert beim nächsten Mal nicht mit „einmalig“, sondern mit „wieder möglich“.
Und dann passiert das, was in keinem Wahlprogramm steht:
- Vermögen wird nicht mehr hier aufgebaut, sondern wo es sicherer ist.
- Unternehmen investieren vorsichtiger.
- Menschen planen defensiver.
- Und die, die es können, bauen sich Optionen zum Wegzug.
Am Ende diskutierst du dann nicht nur über eine Wegzugssteuer, sondern über ganz andere Maßnahmen, um Kapital und Leistung im Land zu halten.
Und ja: Wenn man diesen Gedanken zu Ende denkt, landet man irgendwann bei Mauern. Nicht unbedingt aus Beton. Aber aus Regeln, Kontrollen, Einschränkungen.
Das ist der eigentliche Preis solcher Fantasien: Du bekommst kurzfristig Geld – und langfristig ein Land, das sich selbst misstraut.
Warum diese Fantasie so verführerisch ist
Die Enteignungsfantasie ist nicht nur eine Zahlendebatte. Sie ist eine psychologische Entlastung.
Sie sagt:
„Ich muss mich nicht mit schwierigen Zielkonflikten beschäftigen. Ich muss nicht priorisieren. Ich muss nicht über Effizienz reden. Ich muss nicht über Reformen reden. Ich muss nur jemanden finden, der schuld ist – und den melken.“
Das ist bequem. Und es ist gefährlich.
Denn es verschiebt Verantwortung.
Und es macht Politik zu einem moralischen Theaterstück, in dem die Realität nur stört.
Was wäre die ehrliche Debatte?
Die ehrliche Debatte wäre:
- Welche Aufgaben soll der Staat dauerhaft erfüllen?
- Was kostet das dauerhaft?
- Welche Steuern wollen wir dauerhaft erheben?
- Welche Ausgaben wollen wir kürzen oder effizienter machen?
- Welche Anreize setzen wir für Wachstum, Innovation, Arbeit?
Das ist nicht sexy.
Aber es ist erwachsen.
Und genau deshalb wird es so oft durch Fantasien ersetzt.
Schluss: Rechnen ist unromantisch – aber befreiend
Wenn du Enteignung als moralische Abkürzung verkaufst, dann solltest du wenigstens den Anstand haben, die Rechnung auf den Tisch zu legen.
Und die Rechnung sagt – selbst im sportlichen Szenario:
- Du bekommst einen einmaligen Brocken.
- Der Brocken ist kleiner, als die Debatte suggeriert.
- Und danach ist er weg.
Wer also ernsthaft glaubt, Enteignung sei der Weg in ein besser finanziertes Gemeinwesen, der verwechselt Symbolpolitik mit Staatsführung.
Ein Staat wird nicht dadurch solide, dass er einmal die Reichsten schlachtet.
Ein Staat wird solide durch Rechtssicherheit, Wachstum, Prioritäten, Effizienz – und Bürger, die Verantwortung nicht outsourcen.
Wenn du darüber diskutieren willst: gerne.
Aber bitte nicht im Modus „Da oben sind schuld“.
Sondern im Modus: Was ist unser Plan – und was kostet er wirklich?
Frank Wiekhorst


