9 Juni 2026

Nicht die Krisen zerstören die Jugend. Es ist die täglich kommunizierte Unfähigkeit, sie zu lösen.
Frank Wiekhorst im Juni 2026
Die Welt hatte noch nie keine Probleme.
Wer das vergisst, betreibt keine Analyse. Er betreibt Nostalgie. Und Nostalgie ist das Gegenteil von Führung.
Ein Blick in die Geschichte genügt: Meine Kindheit war geprägt durch den deutschen Herbst, den Terrorismus der RAF, Tschernobyl, das Wettrüsten, den Golfkrieg. Die Generation meiner Eltern wuchs auf im Schatten des Zweiten Weltkriegs, mit der realen Möglichkeit eines nuklearen Konflikts, mit dem Eisernen Vorhang als geografischer Realität. Die Generation davor? Zwei Weltkriege, Hyperinflation, Totalitarismus. Die Generation davor? Pest, Cholera, keine Antibiotika. Keine Rente. Keine Absicherung. Nur das Morgen — und die Entscheidung, ob man ihm entgegengeht oder sich von ihm erdrücken lässt.
Und doch reden wir heute so, als wären die Probleme der Gegenwart das Ende der Welt. Als wäre die Kombination aus einem eskalierenden Konflikt im Nahen Osten, einem Krieg in der Ukraine, einer taumelnden deutschen Wirtschaft und dem allgegenwärtigen Ruf nach Klimagerechtigkeit etwas grundsätzlich Neues. Etwas, das eine junge Generation zu Recht lähmt.
Das ist falsch. Und diese Falschheit hat einen Preis.
Das eigentliche Problem heißt nicht Krise
Ich beobachte junge Menschen — in Unternehmen, in Gesprächen, in öffentlichen Diskussionen. Was ich sehe, ist keine Generation, die an den Problemen dieser Welt zusammenbricht. Was ich sehe, ist eine Generation, die an der täglich kommunizierten Unfähigkeit zusammenbricht, diese Probleme zu lösen.
Das ist ein entscheidender Unterschied. Und er wird kaum je benannt.
Herausforderungen sind der Stoff, aus dem Charakter entsteht. Widerstand formt. Krise schärft den Blick. Das wusste schon Seneca: „Non refert quam multos libros habeas, sed quam bonos.” Es kommt nicht darauf an, wie viele Probleme du hast, sondern wie du mit ihnen umgehst. Eine Jugend, der man zeigt, dass Probleme lösbar sind — durch Denken, durch Handeln, durch Entschluss — wird stark. Eine Jugend, der man täglich erklärt, dass alles unlösbar, alles zu komplex, alles zu gefährlich ist, wird ohnmächtig.
Und genau das passiert gerade.
Jeden Tag. In Talkshows, in Schulstunden, in politischen Reden, in sozialen Medien. Der Iran-Krieg? Komplex, historisch belastet, keine einfachen Lösungen. Der Ukraine-Krieg? Unlösbar ohne Eskalation. Die Klimakrise? Systemisch, global, erdrückend. Die deutsche Wirtschaft? Strukturell zerstört, jahrzehntelange Versäumnisse. Und immer wieder diese eine Botschaft, die dahinter steckt: Wir können es nicht.
Wenn eine Generation das jeden Tag hört, wendet sie sich im besten Fall ab. Wahrscheinlicher ist, dass sie einfach verzweifelt.
Generation Rente
Der Begriff „Generation Rente” ist provokant. Das ist beabsichtigt.
Genau genommen ist es keine einzelne Generation, sondern ein ganzes Bündel von Generationen: von Nachkriegsgeneration bis Millennials. Weniger demografische Kohorte, als der Glaube an den unverrückbaren Anspruch an einen finanzierten Lebensabschnitt im Alter. Und darüber hinaus eine Geisteshaltung, die sich quer durch Institutionen, durch politische Parteien, durch Leitartikel und durch Unternehmensvorstände zieht — und die im Kern eine Grundüberzeugung transportiert: Sichern ist besser als wagen. Verwalten ist besser als gestalten. Diese Grundhaltung ist so tief verankert und Teil des kollektiven Selbstverständnisses, dass jede Gefährdung als Angriff auf die moralischen Grundwerte gesehen wird. Tatsächlich verbirgt sich dahinter aber ein sozial elitäres Denkmuster der bundesrepublikanischen Gesellschaft.
Die Generation Rente denkt in Absicherungslogik. Sie verwaltet das Bestehende mit einer Akribie, die beeindruckend wäre, wenn das Bestehende noch zeitgemäß wäre. Aber es ist das nicht mehr. Und sie leidet an einer über die Jahrzehnte erlernten Entfremdung von der Realität. Egal welches Ungemach in der Welt, in den Nachrichten und in den Debatten beschworen wird — der nächste Ratenkauf für ein überteuertes Smartphone sowie die obligatorische Pauschalreise im Sommer sind immer gesichert.
Man erkennt die Generation Rente an bestimmten Mustern.
Sie führt keine Entscheidungen herbei — sie führt Entscheidungsprozesse. Wenn in einem Unternehmen ein Problem offensichtlich ist, folgt nicht die Lösung, sondern die Taskforce. Die Taskforce erstellt ein Konzept. Das Konzept wird in einer Steuerungsrunde vorgestellt. Die Steuerungsrunde beschließt, einen Workshop zu machen. Im Workshop entstehen Maßnahmen. Die Maßnahmen kommen auf eine Prioritätenliste. Die Prioritätenliste wird im nächsten Quartalsgespräch besprochen.
Das Problem? Es ist noch da. Nur hat jetzt niemand mehr die Verantwortung dafür.
Das ist strukturelle Feigheit. Nicht im militärischen Sinne — sondern im zivilisatorischen. Die Generation Rente flieht vor Konsequenzen. In der Politik wird es offensichtlich. In den Konzernen geschieht es unter dem Deckmantel einer kooperativen, diversen, ökologisch ausgerichteten und genderneutralen Kultur. Bitte keine Konflikte, und alle „mit ins Boot nehmen”. Das „Wir” ist wichtiger als der Erfolg. Was zunächst gut und ausgewogen klingt, ist auf Dauer ein Rezept für die Deindustrialisierung einer ganzen Nation geworden.
Die Konsequenzen dieser Mentalität sind nicht abstrakt. Sie sind demografisch und fiskalisch messbar.
Die Generation Rente hat kollektiv entschieden, keine Kinder zu bekommen — oder so wenige, dass ein Rentensystem, das auf Nachwuchs angewiesen ist, rechnerisch nicht mehr funktioniert. Sie hat entschieden, den Renteneintritt nicht an eine dramatisch gestiegene Lebenserwartung anzupassen. Und sie hat entschieden, Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Zukunftstechnologien zurückzustellen — nicht zuletzt deshalb, weil das verfügbare Kapital für die eigene Alterssicherung gebraucht wird.
Was das bedeutet: Die junge Generation zahlt. Sie zahlt in ein Rentensystem, das für sie selbst nicht mehr funktionieren wird. Sie saniert eine Infrastruktur, die ihre Vorgänger haben verfallen lassen. Sie trägt die Kosten politischer Entscheidungen, an denen sie nicht beteiligt war. Deutschlands Jugend wird von einer Generation versklavt, die kollektiv entschieden hat, keine Kinder zu wollen — und die trotzdem erwartet, dass die Wenigen, die es gibt, für ihre Renten aufkommen. Die Generation Rente hat gelernt, dass ihre Handlungen, und seien sie noch so absurd, keine Konsequenzen auf ihren kollektiven Wohlstand haben. Den Preis für diese Arroganz sollen demokratische Minderheiten zahlen. Die Jugend, die Reichen im Grunde egal. Hauptsache nicht wir.
Die Feigheit, die keiner so nennt
Ich sage das mit Bedacht, weil das Wort hart klingt. Aber es ist das richtige Wort.
Feigheit bedeutet nicht, dass jemand Angst hat. Feigheit bedeutet, dass jemand trotz besseren Wissens nicht handelt — weil das Handeln mit Risiko verbunden ist. Und Risiko bedeutet, dass man scheitern kann. Und wenn man scheitert, ist man verantwortlich.
Die Generation Rente hat ein perfektes System entwickelt, um diese Verantwortung zu verteilen, zu verwässern und am Ende aufzulösen. Das Ergebnis ist eine politische Kultur, in der Bundesministerien jahrelange Reformprozesse ankündigen, die in Berichten enden. Eine Unternehmenskultur, in der Entscheidungen so lange konsensualisiert werden, bis niemand mehr dagegen ist — aber auch niemand mehr dahinter steht. Eine gesellschaftliche Debattenkultur, in der die Benennung eines Problems bereits als Lösung gilt.
Und das Perverse daran: Diese Haltung wurde lange nicht als Versagen kommuniziert. Sie wurde als Verantwortungsbewusstsein verkauft. Als Komplexitätssensibilität. Als Umsicht. Bis heute. Denn nun brechen die Systeme.
Die Jugend sieht das. Vielleicht nicht analytisch, aber sie spürt es. Sie spürt, dass die Erwachsenen um sie herum die Probleme nicht lösen wollen, sondern verwalten. Dass der Status quo nicht überwunden, sondern gesichert werden soll. Dass die Frage nicht ist: Wie bauen wir etwas Besseres? — sondern: Wie halten wir das Bestehende noch ein bisschen länger aufrecht? Die Mächtigen kämpfen nicht für die Allgemeinheit, sondern nutzen die Sozialdemokratie als Deckmantel persönlicher Interessen. Es geht um die Sicherung des eigenen Mandats und des eigenen Anspruchs.
Das erzeugt keine Energie. Das erzeugt Ohnmacht.
Was die Jugend wirklich braucht
Junge Menschen brauchen keine geschützten Räume. Sie brauchen keine Garantien. Sie brauchen keine Versprechen, dass die Welt in Ordnung ist, wenn sie es nicht ist.
Was sie brauchen, ist das Gegenteil der Generation-Rente-Haltung.
Sie brauchen Menschen, die ihnen zeigen: Probleme existieren, um gelöst zu werden. Nicht um besprochen, nicht um dokumentiert, nicht um beklagt — um gelöst zu werden. Das erfordert Entschluss. Das erfordert Risikobereitschaft. Das erfordert die Bereitschaft, falsch zu liegen und es trotzdem zu versuchen.
Clausewitz nannte das Entschlusskraft — die Fähigkeit, in Ungewissheit zu handeln. Nicht die Fähigkeit, in Gewissheit zu handeln. Das kann jeder. Entschluss bedeutet, sich in Bewegung zu setzen, auch wenn man nicht alle Variablen kennt. Gerade dann.
Das ist keine romantische Vorstellung. Das ist historisch belegt. Die größten Wiederaufbauleistungen, die bedeutendsten gesellschaftlichen Transformationen, die mutigsten unternehmerischen Entscheidungen entstanden nicht in Zeiten der Sicherheit. Sie entstanden in Zeiten der Krise — getragen von Menschen, die beschlossen hatten, dass das Morgen besser sein kann als das Heute.
Diese Menschen hat es immer gegeben. Die Frage ist: Wer erzieht die nächste Generation dazu?
Eine andere Erzählung
Ich mache mir keine Illusionen: Die Probleme, die wir heute haben, sind real. Der Krieg in der Ukraine ist real. Die wirtschaftliche Schwäche Deutschlands ist real. Die geopolitische Instabilität im Nahen Osten ist real. Ich plädiere nicht dafür, diese Realitäten zu ignorieren.
Ich plädiere dafür, sie anders zu erzählen.
Es gibt keinen Zauberstab, der diese Probleme über Nacht löst. Aber es gibt eine Wahl, die wir täglich treffen: Erzählen wir von Problemen als unlösbaren Zuständen — oder als lösbaren Aufgaben? Kommunizieren wir das Scheitern als unvermeidlich — oder als Schritt auf dem Weg zur Lösung? Zeigen wir der Jugend Menschen, die resignieren, weil sie sich in ihrem eigenen Anspruchsdenken verheddert haben — oder Menschen, die handeln?
Das ist keine Frage der Realitätsverweigerung. Das ist eine Frage der Führung.
Führung bedeutet nicht, die Welt schönzureden. Führung bedeutet, der Wirklichkeit ins Auge zu schauen — und dann zu entscheiden, dass man trotzdem handelt. Das ist kein naiver Optimismus. Das ist zivilisierte Entschlusskraft.
Und Führung bedeutet, der eigenen Überzeugung zu vertrauen und die Zivilcourage aufzubringen, sie auszusprechen.
Wir müssen akzeptieren, dass wir Fehlentscheidungen treffen werden — unternehmerisch wie politisch. Aber Fehlentscheidungen müssen korrigiert werden dürfen: ohne Häme und ohne dass eine Opposition daraus Kapital schlägt. Das schulden wir nachfolgenden Generationen.
Die Generation Rente, die soziale Sicherheit wie ein Parasit so lange konsumiert bis der Wirt stirbt, wird nicht ewig bestimmen, wie wir über die Zukunft sprechen. Aber sie wird es so lange tun, wie wir ihr das überlassen.
Die Alternative beginnt nicht in Parlamenten und nicht in Chefetagen. Sie beginnt in Gesprächen. In Lehrerzimmern. In Familien. Überall dort, wo jemand aufhört zu sagen „wir können das nicht lösen” — und anfängt zu fragen: „Was ist der nächste Schritt?“
Das ist keine kleine Frage. Das ist die entscheidende. Und das sind wir schuldig, weil man es für uns auch getan hat.
Frank Wiekhorst


