21 Oktober 2026

Warum wir gute Nachrichten überblättern – und was uns das kostet
Frank Wiekhorst im Oktober 2026
Anfang Oktober ging der Nobelpreis für Medizin an zwei Deutsche und einen Amerikaner. Peter Hegemann aus Berlin, Georg Nagel aus Weingarten in Oberschwaben und Karl Deisseroth aus Stanford haben, vereinfacht gesagt, einer Alge einen Lichtschalter abgeschaut und ihn so weit gebracht, dass ein blinder Mann wieder nach Gegenständen auf einem Tisch greifen konnte. Einen Monat zuvor, im September, brachte Isar Aerospace aus Ottobrunn bei München im zweiten Anlauf eine Rakete in die Umlaufbahn. SpaceX brauchte dafür vier Versuche. Die Bayern zwei.
Zwei Weltklasse-Leistungen aus Deutschland, innerhalb weniger Wochen. Und wo standen sie? Irgendwo zwischen Tankrabatt und Zuckersteuer. Die Titelseite gehörte wie immer der Krise, der Rezession, dem Niedergang. Was uns zu der Frage bringt: Warum eigentlich?
Die bequeme Antwort lautet: Die Medien sind schuld, schlechte Nachrichten verkaufen sich besser. Das stimmt, aber es greift zu kurz. Medien verkaufen, was wir kaufen. Die interessantere Frage ist, warum wir Deutschen so bereitwillig zugreifen. Und da lohnt ein Blick in unsere Kulturgeschichte.
Ein deutsches Wort für ein deutsches Gefühl
Es gibt Wörter, die das Deutsche an die Welt verliehen hat, weil andere Sprachen schlicht keins dafür hatten. Kindergarten. Angst. Und Weltschmerz. Erfunden hat es Jean Paul, mit bürgerlichem Namen Johann Paul Friedrich Richter, in einem Werk, das erst nach seinem Tod erschien. Gemeint war ursprünglich etwas fast Kosmisches: der Schmerz über das Leid der ganzen Welt. Die Romantik machte daraus ein Lebensgefühl. Novalis fand das Bild dazu, die blaue Blume, die Sehnsucht nach einer vollkommenen Welt, die man nie erreicht. Wer sich so sehr nach dem Vollkommenen sehnt, muss am Wirklichen leiden. Der Weltschmerz ist also kein Unfall. Er ist der Preis eines sehr hohen Anspruchs.
Die Pointe am Rande: Ausgerechnet Jean Paul, der Mann, der den Weltschmerz benannte, gilt als Erfinder des deutschen literarischen Humors. Durchschauen und Verzweifeln sind offenbar zwei verschiedene Dinge. Wir haben uns nur angewöhnt, sie zu verwechseln.
Schopenhauer oder: Pessimismus als Ausweis von Bildung
Das Wort hatten wir also. Den Stil lieferte Arthur Schopenhauer. Vor ihm galt Trübsinn als Schwäche, als etwas, das man lieber nicht zugab. Schopenhauer drehte den Spieß um: Wer die Welt wirklich durchschaut, muss pessimistisch sein. Das Leben pendle zwischen Schmerz und Langeweile, alles andere sei Selbstbetrug. Nicht der Pessimist ist naiv, sondern der Optimist.
Und weil Schopenhauer glänzend schrieb, bissig, elegant, zitierfähig, klang sein Weltekel nach Wahrheit. Seitdem gilt in Deutschland eine stille Regel: Wer zweifelt, wirkt klug. Wer sich freut, wirkt verdächtig. Probieren Sie es aus. Sagen Sie auf der nächsten Abendgesellschaft, dass Sie eigentlich ganz zuversichtlich sind, was die Zukunft angeht. Sie werden Blicke ernten, als hätten Sie gestanden, die Bild-Zeitung zu abonnieren.
Ein Detail aus Schopenhauers Biografie verdient allerdings Beachtung. Er musste nie arbeiten. Er lebte vom Vermögen seines Vaters, eines wohlhabenden Kaufmanns, und konnte sich der Verachtung des Daseins in aller Ruhe widmen. Weltschmerz, so gesehen, ist ein Luxusgut. Man muss ihn sich leisten können. Wer morgens das Feuer machen, das Feld bestellen oder die Praxis öffnen muss, hat für die elegante Verzweiflung schlicht keine Zeit.
Das erklärt vielleicht, warum Pessimismus gerade in wohlhabenden Gesellschaften so gut gedeiht. Und es erklärt, warum er bei uns so salonfähig ist. Wir sind kein Volk von Schwarzsehern, weil es uns schlecht geht. Wir sehen schwarz, weil es uns gut genug geht, um es uns leisten zu können. Und weil es so schön gebildet aussieht.
Eine ehrliche Einschränkung gehört dazu: Ob der deutsche Hang zur Skepsis wirklich kulturgeschichtlich gewachsen ist oder ob andere Faktoren mehr erklären, lässt sich nicht beweisen. Es ist eine These. Aber eine, die sich verdächtig gut mit unserer Zeitungslektüre deckt.
Was der Pessimismus wirklich kostet
Nun könnte man sagen: Na und? Lass die Leute doch ihren Weltschmerz pflegen, solange sie ihre Arbeit machen. Das Problem ist nur: Pessimismus ist nicht bloß eine Stimmung. Er verändert, was wir sehen.
Der britische Psychologe Richard Wiseman hat dazu ein hübsches Experiment beschrieben, veröffentlicht 2003 in seinem Buch „The Luck Factor“. Er bat Menschen, die sich selbst entweder als Glückspilze oder als Pechvögel bezeichneten, in einer Zeitung die Fotos zu zählen. Es waren 43. Was die Teilnehmer nicht wussten: Auf der zweiten Seite stand in riesigen Buchstaben eine halbseitige Anzeige: „Hören Sie auf zu zählen. Diese Zeitung enthält 43 Fotos.“ Weiter hinten folgte eine zweite: „Hören Sie auf zu zählen, sagen Sie dem Versuchsleiter, dass Sie das hier gesehen haben, und gewinnen Sie 250 Pfund.“
Sie ahnen es. Die Pechvögel zählten verbissen weiter und übersahen beide Anzeigen. Die Glückspilze fanden die Lösung oft in Sekunden. Wisemans Deutung: Wer sich für einen Pechvogel hält, geht angespannt durch die Welt, mit Scheuklappen, auf der Suche nach dem, was schiefgeht. Und übersieht dabei genau die Chancen, die in großen Buchstaben vor ihm liegen.
Man sollte das Experiment nicht überstrapazieren. Es ist eine Illustration, kein Beweis, und ob die Entspannten mehr sehen oder die Aufmerksamen entspannter sind, bleibt offen. Aber das Bild ist zu treffend, um es zu ignorieren. Eine Nation, die verbissen ihre Probleme zählt, übersieht womöglich die halbseitige Anzeige, auf der steht: Ihr habt gerade einen Nobelpreis gewonnen. Und eine Rakete im Orbit.
Hinsehen und weitergehen
Das heißt nicht, dass wir aufhören sollen, Risiken zu sehen. Wer den schlimmsten Fall durchdenkt, handelt verantwortlich. Ärzte tun das jeden Tag, Risikomanager auch. Gefährlich wird der Pessimismus erst, wenn man in ihm verharrt, wenn aus der Diagnose ein Dauerzustand wird. Dann ist er nicht mehr Vorsicht, sondern Verengung.
Die Alge, der unsere Nobelpreisträger ihren Lichtschalter verdanken, hat übrigens kein Gehirn und keine Meinung. Sie liest keine Zeitung und hat nie Schopenhauer studiert. Sie dreht sich einfach zum Licht und schwimmt. Vielleicht ist das nicht die gebildetste Haltung. Aber es ist die, die ankommt.
Gute Nachrichten, leider wahr. Das „leider“ gilt nur für den, der lieber recht behalten hätte.
Frank Wiekhorst
Foto: Max Radloff


