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Der Niedergang Amerikas

28 März 2026

Warum eine Weltmacht ihre innere Mitte verloren hat – und Europa endlich erwachsen werden muss

Frank Wiekhorst im März 2026

Im freien Europa aufzuwachsen hieß für viele von uns, von Amerika zu träumen. Amerika – das Land, das zum Mond flog. Das den Geschmack von Freiheit in Flaschen abfüllte und uns mit einer Coca-Cola ein Stück vom amerikanischen Traum in die Hand drückte.

Filme wie Smokey and the Bandit waren eine Chiffre für ein Amerika, das sich selbst noch mochte: nicht perfekt, aber zuversichtlich. Spielerisch. Handlungsfähig.

Später kamen Commodores C64, Apple, Back to the Future, Dirty Dancing, Michael Jackson, Madonna und Top Gun dazu. Und damit nicht genug. Breakdance, Basketball, Magnum, Miami Vice. Wir liebten unser Amerika.

Ich war siebzehn, als ich im Greyhound-Bus von New York nach Mexiko-Stadt fuhr – drei Wochen durch meinen Lebenstraum. Und als ich einige Jahre später ganze Sommer in dem blendenden Weiß von Washington D.C. verbrachte, war mein Grundgefühl schlicht: Glück. Freiheit. Tempo.

Aber dieses Amerika gibt es nicht mehr. Und es fehlt mir. Und vielen in meiner Generation geht es ebenso. Wir haben etwas verloren. Und ausgerechnet der Bo „Bandit“ in mir – Burt Reynolds, Schulterzucken, halb Grinsen – sagt: Tja. So ist das nun mal. Immer nach vorn blicken. Da ist ein neuer Horizont.

Genau da beginnt die Frage: Was ist passiert? Und was bedeutet es für uns in Europa, wenn eine Weltmacht nicht nur politisch, sondern auch geistig und kulturell ihre innere Mitte verliert?

Die tragenden Säulen des Mythos „Amerika“ erodieren

Amerika erlebt keinen plötzlichen Absturz, sondern eine schleichende Erosion – in vier Dimensionen: geopolitische Macht, moralische Autorität, institutionelle Stabilität und kulturelle Strahlkraft. Die Trump-Administration ist dabei weniger Ursache als Symptom: eine Anzeige im Cockpit, die grell aufleuchtet und sichtbar macht, was lange gewachsen ist. Trump ist Signalverstärker und Stresstest – nicht die Erklärung, sondern der Moment, in dem verdeckte Entwicklungen nicht mehr zu übersehen sind.

Wer vom Niedergang Amerikas spricht, schuldet zuerst eine präzise Definition dessen, was hier überhaupt „niedergeht“: nicht nur Einfluss nach außen, sondern Bindekraft nach innen; nicht nur der Verlust von Prestige, sondern der Verlust an Selbstbegrenzung, Kompetenz und Vertrauen, die eine Ordnung im Alltag tragen.

Kulturelle Strahlkraft

Kulturelle Strahlkraft ist nicht Popkultur. Sie ist Vertrauen: die stille Überzeugung, dass ein Land seine Grundlagen im Griff hat – Kompetenz, Selbstführung, Institutionen, Maß. Sie endet nicht, wenn Fehler passieren. Sie endet, wenn die Lücke zwischen Erzählung und Wirklichkeit zu groß wird.

Ein früher, global sichtbarer Riss war die von den USA ausgelöste Finanzkrise: Als Asset Backed Securities in sich zusammenfielen, kollabierte nicht nur ein Marktsegment, sondern ein Stück Kredit der Erzählung. Das Zutrauen in die eigene Kraft war größer als die wirtschaftliche Potenz dahinter. Amerika mag das Schnelllebige schneller vergessen – Asien und Westeuropa haben es nicht vergessen.

Vier Dinge wirken seitdem wie Sand im Getriebe der Strahlkraft:

  • Basiskompetenzen & Bildung: Lesen, Schreiben, Rechnen, Urteilskraft – nicht in der Elite, sondern in der Mitte. Eine Weltmacht lebt von der Urteilskraft ihrer Mitte. Bröckelt sie, wird jede große Erzählung zur Show. Und Europa tut gut daran, nicht den gleichen Fehler zu machen.
  • Gesundheit & Arbeitsfähigkeit: Robustheit, Stressresistenz, Selbstführung. Eine erschöpfte Gesellschaft wird aggressiv oder apathisch. Selbstführung ist keine Wellness-Idee, sondern die Bedingung von Freiheit. Aber für das Amerika des 21. Jahrhunderts ist eine gesetzliche Krankenversicherung ein Indikator für einen aufkeimenden Sozialismus.
  • Servicekultur & Institutionen: Behörden, Polizei, Schulen, Gerichte – Professionalität oder Reibung. Institutionen sind Alltag. Wenn Professionalität durch Reibung ersetzt wird, entsteht Zynismus. Und Zynismus ist der Anfang vom Ende. Und die viel gerühmte amerikanische Servicekultur bröckelt. Wer Amerika über die Jahrzehnte beobachtet merkt es eindeutig. New York – Big Apple – The City riecht nicht mehr nach Tempo. Es riecht nach Marihuana.
  • Öffentlicher Diskurs & Medienlogik: Debatte oder Theater. Wenn Konflikte nicht mehr geklärt, sondern nur noch verwertet werden, verliert ein Land innere Steuerungsfähigkeit – und Politik wird zur Inszenierung. Eines der Hauptexportgüter Amerikas ist die global Hysterie, angefeuert durch US basierte Social Media Konzerne. Auch hier sollte Europa nicht dem amerikanischen Weg folgen.

Institutionelle Stabilität

Am 30.09.2025 und 01.10.2025 traten Verteidigungsminister Pete Hegseth und Donald Trump in Quantico, Virginia, vor der versammelten militärischen Spitzenführung auf – laut Medienberichten in einer Rhetorik, die intern massive Kritik und sogar verfassungsrechtliche Bedenken auslöste. Entscheidend ist nicht der einzelne Satz, sondern der Rollenbruch: Wenn politische Inszenierung in Räume dringt, die von Professionalität, Distanz und Selbstbegrenzung leben, wird aus Führung Bühne – und aus Institution Kulisse.

Und dann denke ich an Alexander Haig. NATO-Oberkommandierender. Stabschef im Weißen Haus. Außenminister. Ein Mann, der nicht durch Lautstärke wirkte, sondern durch Gewicht. Wenn Haig in einem Raum saß, wurde der Raum stiller – nicht aus Angst, sondern aus Instinkt. Weil jeder wusste: Hier sitzt jemand, der Institutionen nicht als Kulisse versteht, sondern als Verpflichtung.

Haig war kein Moralapostel. Er war ein Profi. Und gerade deshalb gefährlich für jeden, der aus einer Institution ein Publikum machen will. Watergate ist dafür die passende Folie: Nicht, weil Haig Nixon „zum Rücktritt überredet“ hätte, sondern weil damals noch sichtbar war, dass es Menschen mit institutionellem Gewicht gab, die einem Präsidenten Grenzen setzen konnten – ohne Mikrofon, ohne Theater.

Heute wirkt das seltener. Nicht, weil Amerika keine klugen Köpfe mehr hätte, sondern weil Autorität nicht mehr aus Amt und Pflicht kommt, sondern aus Lautstärke und Lager. Wer widerspricht, gilt nicht als Korrektiv, sondern als Feind. Und wo jedes Korrektiv zum Feind erklärt wird, verschleißen Institutionen.

Moralische Autorität

Moralische Autorität ist nicht Moralpredigt. Sie entsteht, wenn Macht sich sichtbar selbst bindet: durch Maß, durch Respekt vor Rollen, durch die Bereitschaft, Grenzen zu akzeptieren – auch dann, wenn man sie ausreizen könnte. Demokratien leben deshalb nicht nur von einklagbarem Recht, sondern von Konventionen: Tonlagen, Respektgrenzen, Anerkennung von Verfahren, Akzeptanz von Niederlagen, Verzicht auf Vergeltung. Das sind keine Benimmregeln. Das sind die Stoßdämpfer der Ordnung.

Diese Erosion beginnt selten mit einem Präsidenten. Sie beginnt im Publikum – in der Gewöhnung daran, dass Prinzipien „im Ernstfall“ verhandelbar werden. Nach 9/11 hat der Westen, auch Amerika, schleichend gelernt, Freiheit als Risiko zu behandeln und Rechtsstaatlichkeit als Luxus, den man im Ausnahmezustand kürzen darf: mehr Überwachung, weniger Privatsphäre, mehr Zweck, weniger Prinzip. Das war oft gut gemeint und sicherheitspolitisch begründet – aber moralisch wirksam: Es verschiebt die innere Grammatik der Demokratie. Wenn Grundrechte zuerst zur Abwägungsmasse werden, wird später auch Anstand zur Taktik. In diesem Klima kann jemand wie Trump nicht nur auftreten – er kann erfolgreich sein.

Trump steht für eine Verschiebung, die genau diese Autorität weiter erodiert: Nicht weil er der erste wäre, der Macht will, sondern weil er die ungeschriebene Norm angreift, dass man Institutionen nicht permanent als Gegner behandelt. Wo Selbstbegrenzung als Schwäche gilt, wird jede Regel zur taktischen Frage – und Legitimität zur Beute.

Zwei kühle Beispiele zeigen den Mechanismus: Erstens, wenn Personalpolitik zum Loyalitätstest wird und Kompetenz zweitrangig, kippt der Sinn von Ämtern – von Funktion zu Gefolgschaft. Zweitens, wenn Begnadigungen und Verfahren als politische Signale gelesen werden, entsteht die Botschaft: Nähe zur Macht zählt mehr als gleiche Maßstäbe. Der Schaden ist nicht nur juristisch. Er ist kulturell: Die Idee fairer, allgemeiner Regeln verliert ihr Gewicht.

Institutionen halten so etwas eine Weile aus. Aber moralische Autorität nicht. Sie stirbt schleichend – wenn aus Führung Belagerung wird und aus Vertrauen Zynismus. Dann ist Stabilität nicht mehr selbstverständlich, sondern nur noch vorläufig.

Geopolitische Macht

Geopolitische Macht ist die Fähigkeit, Ziele zu definieren, sie durchzuhalten – und die Folgen des eigenen Handelns mitzudenken. Genau daran zeigt sich der Niedergang: nicht im Verlust von Waffen oder Geld, sondern im Verlust strategischer Selbstdisziplin. Außenpolitik wird dann zur Abfolge von Gesten: groß angekündigt, schlecht durchdacht, begrenzt wirksam – und am Ende teuer für die eigene Glaubwürdigkeit.

Drei Episoden markieren dieses Muster. Erstens Venezuela: eine begrenzte Aktion, die mehr nach symbolischer Entschlossenheit aussah als nach einem Plan, der die Lage nachhaltig verändert. Zweitens Grönland: die Drohung, Territorium eines NATO-Partners faktisch zur Verhandlungsmasse zu machen. Das war ein Schock, weil es das gemeinsame Grundverständnis traf, was das Bündnis ist: Schutzgemeinschaft, nicht Beuteordnung. Dass Washington danach zurückruderte, weil es mit europäischem Widerstand nicht gerechnet hatte, war für Europa ein Moment der Selbstbestätigung – und für die USA ein Moment der Entblößung: vollmundig formulieren, dann vor Verbündeten einknicken.

Drittens der Angriff auf den Iran: ein Schritt, der nicht nur völkerrechtlich als Bruch gelesen werden musste, sondern strategisch wie ein Blindflug wirkte. Wer so handelt, stellt sich in den Augen vieler auf eine Schiene, die man sonst an Russland kritisiert: Macht als Rechtfertigung. Und er riskiert Konsequenzen, die jeder Praktiker sofort auf dem Tisch hat – von der Eskalation in der Golfregion bis zur Verwundbarkeit globaler Lieferketten.

Diese drei Episoden sind nicht isoliert. Sie ergeben ein Bild. Und dieses Bild ist kein Argument der Häme, sondern der Sorge: Das Agieren der Vereinigten Staaten wirkt international impulsiv und undurchdacht – und es nährt berechtigte Zweifel an ihrer tatsächlichen militärischen Stärke, bei aller nuklearen Abschreckung. Ein Land, das so agiert, wirkt verwundbar. Und Verwundbarkeit ist ein Signal.

Das Problem ist nicht, dass Amerika Fehler macht. Das Problem ist, dass Fehler wie Muster wirken. Und Muster sind Einladungen – vor allem dort, wo China seit Jahren testet, wie teuer Taiwan wirklich für den Westen wäre.

Amerika – ein Land, das aus Patriotismus seine eigene Stärke vernichtet

Der Niedergang zeigt sich nicht nur in Institutionen und Außenpolitik. Er zeigt sich auch dort, wo eine Nation ihre eigene Leistungsfähigkeit beschädigt – und das ausgerechnet im Namen des eigenen Mythos.

In den vergangenen zwanzig Jahren ist der Anteil adipöser Menschen in den USA deutlich gestiegen – ein Trend, der weit über gesundheitliche Fragen hinausweist. Laut Daten der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) lag die Adipositasrate unter Erwachsenen Anfang der 2000er Jahre bei rund 30%. Die nationalen Gesundheitsdaten (NHANES 2017–2018) zeigen dagegen einen Anteil von 42,4% adipöser Erwachsener. Dieser Anstieg um mehr als zwölf Prozentpunkte markiert nicht nur eine statistische Verschiebung, sondern steht sinnbildlich für eine Gesellschaft, die zunehmend an den Folgen ihres eigenen Selbstbildes scheitert: dem Versprechen grenzenloser Verfügbarkeit, ständiger Beschleunigung und permanenter Selbstoptimierung.

Die amerikanische Kultur der Überfülle – „bigger, better, more“ – kehrt sich gegen ihre eigenen Bürger. Werbung, Konsumlogik und nationale Erzählungen von Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten erzeugen ein Umfeld, in dem Maßhalten fast schon als Verrat am amerikanischen Traum gilt. Die steigende Adipositasrate wird damit zu einem sichtbaren Symptom eines tieferliegenden Verfalls: einer Kultur, die ihre eigenen Mythen so radikal verinnerlicht hat, dass sie an ihnen zu ersticken droht.

Das ist – zugegeben – plakativ. Aber es verweist auf ein Muster: unkontrollierter Amerikanismus, der dem eigenen Land die Grundlagen seiner Stärke unterspült.

Talent als Importgut – und warum es plötzlich nicht mehr ankommt

Im Gegensatz zu Europa verfügen die USA über eine geregelte Einwanderungspolitik, die traditionell auf die Interessen der USA ausgerichtet ist. Über Jahrzehnte hinweg haben die Vereinigten Staaten systematisch davon profitiert, die begabtesten Wissenschaftler der Welt ins Land zu holen – ein strategischer Vorteil, der maßgeblich zur amerikanischen Innovationskraft beitrug. Dafür standen mehrere spezialisierte Visa-Instrumente zur Verfügung, darunter H-1B (hochqualifizierte Fachkräfte), O-1 („extraordinary ability“), J-1 (Forschungsstipendiaten) sowie dauerhafte Einwanderungskategorien wie EB-1A und EB-2 NIW.

Doch nach spektakulären und öffentlichkeitswirksamen Einsätzen der US-Behörde I.C.E. gegen ausländische Fachkräfte und Studierende stellt sich zunehmend die Frage, ob die USA weiterhin brillante Köpfe aus Indien, Asien oder Europa überzeugen können, ihre Karriere in einem Land fortzusetzen, dessen Einwanderungspraxis als unberechenbar wahrgenommen wird.

Achsen, die bröckeln

Hinzu kommt ein Aufbrechen internationaler Achsen, die für die USA immer äußerst profitabel waren. Nach der Zerrüttung des Verhältnisses zu Europa hat Amerika eine weitere – eigentlich unzerstörbare – Allianz in Gefahr gebracht.

Nach der Gründung des Königreichs Saudi-Arabien 1932 entwickelte sich rasch eine strategische Verbindung zu den USA, die weniger politisch als geologisch motiviert war: Bereits 1933 erhielt Standard Oil of California die Konzession zur Ölexploration, was 1938 zur Entdeckung großer Vorkommen führte und den Grundstein für Aramco legte. Diese frühe Kooperation formte eine dauerhafte Symbiose: Die USA sicherten dem jungen Staat Technologie, Kapital und später militärischen Schutz, während Saudi-Arabien verlässliche Ölströme garantierte und das globale Energiesystem durch die Preisbindung an den US-Dollar stabilisierte. Das Treffen zwischen König Abdulaziz und Präsident Roosevelt 1945 festigte diese energiepolitische Allianz, die über Jahrzehnte geopolitische Dynamiken im Nahen Osten und die amerikanische Außenpolitik prägte.

Nach Angriffen auf den Iran im Winter 2026 durch die USA weitete sich der Konflikt auf die gesamte arabische Welt aus. Dubai, Katar und Saudi-Arabien gerieten unter Beschuss und die wichtige Straße von Hormus wurde blockiert, was zu einem internationalen Preisschock an den Energiemärkten führte – ausgelöst durch amerikanische Unbeherrschtheit ohne Konzept und Folgestrategie. An dieser Stelle wurde der Welt klar: Die Vereinigten Staaten von Amerika sind vor allem eines –Risiko. Global, aber eben auch für die verbündete Golfregion.

Und als ob damit nicht genug wäre, kommen nun noch die Handelsbeziehungen zwischen den USA und Kanada hinzu, die wie ein Road-Runner-Cartoon wirken: Washington inszeniert sich als der listige Kojote, der mit immer neuen Tricks versucht, Ottawa auszubremsen – nur um am Ende in die eigenen Fallen zu tappen. Kanada (in diesem Bild der Roadrunner) hingegen läuft unbeirrt weiter, freundlich, stabil und mit einer Gelassenheit, die den Kontrast erst richtig sichtbar macht.

Konsequenzen für Europa

Zugegeben: Der innere Blick auf Europa sieht nicht nach Einigkeit aus. Die Staaten ringen weiterhin um militärische Stärke und wirtschaftliche Durchschlagskraft. Und doch sollte man nicht übersehen: Europa hat das Problem grundsätzlich erkannt und ist in der Zielsetzung erstaunlich nah beieinander. Es ist weniger die Diagnose, die fehlt – es ist die Umsetzung. Als erschwerende Nebenbedingung bleibt die Verantwortung für die Ukraine, die kein EU-Mitglied ist und dennoch europäische Sicherheitsrealität. Das bindet Kraft, Zeit und politische Aufmerksamkeit – und es hemmt die Handlungsfreiheit gegenüber dem ehemaligen Verbündeten.

Europa hat längst begriffen, dass der nächste große Konflikt nicht primär um Rohstoffe oder Territorien geführt wird, sondern um Daten, Abhängigkeiten und digitale Souveränität. Deshalb gewinnt „Deamerikanisierung“ als Schlagwort an Boden – nicht als Anti-Amerikanismus, sondern als Risikomanagement. Wenn ein Bundesland wie Schleswig-Holstein öffentlich den Ausstieg aus Microsoft-Ökosystemen anstrebt, ist das weniger ein IT-Projekt als ein politisches Signal: Softwaremonopole sind Verwundbarkeit. Und Verwundbarkeit wird in einer Welt strategischer Rivalität zum Preis.

Ähnliches gilt für die großen Plattformen: Das Vertrauen in Meta, Google und andere schwindet. Nicht, weil Europa plötzlich moralisch empfindlicher geworden wäre, sondern weil Abhängigkeit neu bewertet wird. Das trifft den Kern der transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen.

Für Europa – und besonders für Deutschland – folgt daraus eine unbequeme Pflicht: Wir müssen uns darauf einstellen, einen zentralen Handelspartner teilweise zu verlieren. Nicht, weil wir es wollen. Sondern weil die Dynamik aus Misstrauen, Abkopplung und strategischer Selbstbehauptung kaum noch umkehrbar wirkt. Schutz heißt dann: Alternativen bauen, Abhängigkeiten reduzieren, Resilienz organisieren – bevor der Bruch erzwungen wird.

Schlussbemerkung

Noch im Sommer 2023 war die USA für uns ein selbstverständliches Reiseziel – Florida mit der ganzen Familie, New York mit meinem Sohn. Mit meiner Tochter wollte ich in einigen Jahren die Ostküste erkunden, und für mich selbst blieb der Traum, die Florida Keys entlangzufahren und in Key West Hemingways Spuren zu folgen. Doch das Risiko, dass meine Tochter von mir bei der Einreise willkürlich von I.C.E.-Beamten getrennt wird, gehe ich nicht ein.

Heute erscheint mir ein Besuch in St. Petersburg realistischer als eine erneute Einreise in die Vereinigten Staaten. Ich muss lernen zu akzeptieren, dass das Amerika meiner Eltern – das Land, in das sie in den 1960ern auswanderten – nicht mehr existiert.

Henry Kissinger sagte einmal, jedes Jahrhundert werde von einer anderen Nation geprägt. Vielleicht normalisieren sich die Beziehungen zu den USA irgendwann wieder. Doch das amerikanische Jahrhundert ist vorbei. Endgültig. Der Marlboro-Mann reitet in den Sonnuntergang.

Und während ich das schreibe, meldet sich wieder mein innerer Bo „Bandit“ alias Burt Reynolds. Er steht vor mir im roten Hemd, zieht den Cowboy-Hut gerade, grinst mich verschlagen an und sagt: „Wer weiß schon, was morgen ist.“


Frank Wiekhorst

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