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Aufklärung 2.0

23 Februar 2026

Ein Essay über Mündigkeit, Mut und Eigenverantwortung

Frank Wiekhorst, Februar 2026

Deutschland hat gerade keinen Mangel an Problemen. Wir sehen sie jeden Tag: überforderte Institutionen, ein öffentlicher Diskurs, der mehr nach Empörung als nach Denken klingt, eine Wirtschaft, die sich zu oft klein macht, und Menschen, die sich im Privaten einrichten, weil das Große da draußen zu anstrengend geworden ist.

Und trotzdem ist das Entscheidende: Wir sind nicht schwach. Wir sind müde.

Müdigkeit ist kein Schicksal. Müdigkeit ist ein Zustand. Und Zustände kann man ändern.

Dieses Essay ist der Abschluss meiner Gedanken aus dem Februar 2026: nicht als Abgesang, sondern als Einladung. Als Hoffnung. Als Erinnerung daran, dass wir als Gesellschaft nicht auf Erlösung warten müssen. Wir müssen uns nur wieder bewegen.

Was „Aufklärung“ historisch bedeutete – und was Deutschland daraus machte

Wenn wir heute „Aufklärung“ sagen, klingt das oft wie ein Schulbuchbegriff: 18. Jahrhundert, Philosophen, ein paar Zitate, fertig.

Historisch war Aufklärung weit mehr. Sie war eine Zumutung – und eine Befreiung.

Aufklärung bedeutete: Der Mensch ist nicht nur Untertan, nicht nur Objekt von Tradition, Kirche, Hof und Stand. Er ist ein Subjekt. Er kann denken. Er darf fragen. Er soll prüfen. Er muss Verantwortung übernehmen.

Das war nicht nur eine intellektuelle Mode. Das war ein Kulturbruch.

Und Deutschland hat aus dieser Zeit etwas hervorgebracht, das bis heute wirkt: eine Sprache des Denkens.

  • Kant, der Mündigkeit nicht als Wissen, sondern als Mut definiert.
  • Lessing, der Streit und Widerspruch als Motor der Wahrheit verteidigt.
  • Humboldt, der Bildung als Selbstformung versteht – nicht als Dressur. Dieser Gedanke geht heute manchmal verloren.

Man kann über vieles in Deutschland streiten. Aber eines ist schwer zu leugnen: Dieses Land hat eine Tradition, in der Denken nicht Dekoration ist, sondern Pflicht. Nicht als elitäreres Hobby, sondern als Grundlage von Freiheit. Und zwar Freiheit für alle.

Wer behauptet, der Sinn von Bildung sei es, gefügige Untertanen zu schaffen, hat den Kern nicht begriffen. Ja, Bildung muss immer wieder reformiert werden. Aber Bildung für alle ist eine Errungenschaft.

Aufklärung war der Moment, in dem wir uns selbst ernst genommen haben.

Und genau deshalb ist „Aufklärung 2.0“ keine Nostalgie. Es ist die Frage, ob wir diesen Ernst wiederfinden.

Das Land ist stark – die Haltung ist es gerade nicht

Deutschland ist ein starkes Land. Nicht, weil alles funktioniert, sondern weil wir die Fähigkeiten haben, Dinge wieder zum Funktionieren zu bringen.

Ein nüchterner Blick auf die Wirtschaft zeigt das sogar dort, wo Deutschland am wenigsten laut ist: im Mittelstand.

Deutschland hat nach systematischer Erhebung die höchste Dichte an sogenannten Hidden Champions – den stillen Weltmarktführern des Mittelstands pro Kopf.

Hidden Champions sind hochspezialisierte, meist mittelständische Unternehmen, die in ihrem Marktsegment zu den Top‑3 weltweit oder Nummer 1 auf ihrem Kontinent gehören – und trotzdem in der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt sind.

Drei Dinge sind daran entscheidend:

  • Marktführerschaft in einer klaren Nische (Top‑3 weltweit oder Nr. 1 auf dem Kontinent)
  • Mittelständische Struktur, häufig familiengeführt, langfristig denkend
  • Internationale Ausrichtung, oft exportorientiert, technologisch tief, innovationsstark

In der umfassenden Sammlung von Hermann Simon und Koautoren werden rund 1.573 Hidden Champions in Deutschland gezählt – gegenüber etwa 350 in den USA und rund 97 in China (Gesamtdatensatz: 3.406 Firmen aus 59 Ländern).

Andere Datenanbieter kommen für Deutschland auf abweichende Absolutzahlen (z. B. Listflix ~1.305, DDW/Research ~2.084). Diese Unterschiede sind kein Widerspruch, sondern ein Methodik-Thema: Definitionen, Umsatz- und Mitarbeiter-Schwellen, Branchenfilter und Erhebungszeitpunkte variieren.

Und auch bei Innovation gilt: Deutschland ist nicht laut, aber es erfindet.

2024 wurden beim DPMA 59.260 Patentanmeldungen gezählt (nationale Anmeldungen plus PCT‑Eintritte in die nationale Phase). In der WIPO‑Statistik werden für 2024 rund 133.000 weltweite Anmeldungen von in Deutschland ansässigen Antragstellern ausgewiesen.

Pro Kopf ergibt das – überschlägig – etwa 706 DPMA‑Anmeldungen pro Mio. Einwohner bzw. 1.589 WIPO‑Anmeldungen pro Mio. Einwohner (Basis: ~84 Mio. Einwohner). Der Unterschied ist kein Trick, sondern die Messgröße: Amtseingänge vs. Herkunft der Anmelder.

Global dominieren in absoluten Zahlen China und die USA. Aber wer nur auf Masse schaut, übersieht die eigentliche Stärke: Dichte, Spezialisierung und industrielle Tiefe.

Was uns fehlt, ist also nicht Potenzial. Was uns fehlt, ist die innere Haltung, dieses Potenzial wieder in Handlung zu übersetzen.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass „die da oben“ liefern sollen. Dass Systeme uns tragen. Dass irgendwer zuständig ist.

Aber Gesellschaft ist kein Lieferservice.

Leben akzeptieren: Es wird nicht bequem – und das ist okay

Ein Teil unserer Krise ist eine Erwartungskrise.

Wir erwarten, dass das Leben planbar ist. Dass es sicher ist. Dass es fair ist. Dass es sich gut anfühlt. Dass es möglichst wenig kostet – an Energie, an Mut, an Konflikt. Wir erwarten, dass man unser Potenzial sieht, ohne dass wir liefern müssen. Dass unsere private Vorstellung von „gerecht“ allgemeines Recht wird. Und dass alle bitte bestätigen, dass wir etwas ganz Besonderes sind.

Wenn die Realität diese Erwartungen nicht erfüllt, gründen wir Ersatzreligionen: Pflichtoptimismus, Pflichtdankbarkeit, „alles ist eine Chance“. Nicht, weil es wahr ist – sondern weil es betäubt.

Das ist eine Illusion.

Leben ist nicht die Abwesenheit von Zumutung. Leben ist die Fähigkeit, Zumutung zu tragen. Leben ist nicht nur Möglichkeit. Leben ist auch Enttäuschung: Träume, die nicht eintreffen. Lebenslinien, die brechen. Menschen, die gehen. Und ja – es gibt Krankheit, Einsamkeit, Arbeitslosigkeit. Und es gibt den Tod.

Es gibt Dinge, an denen will man nicht wachsen. Da geht es nicht um Wachstum, sondern um die ganze Kraft, nicht zu zerbrechen.

Das ist Leben.

Wer das Leben als solches akzeptiert, wird nicht zynisch. Er wird frei. Weil er aufhört, sich permanent betrogen zu fühlen, wenn Realität eintritt.

Und Freiheit beginnt genau dort: bei der Bereitschaft, Realität nicht zu beklagen, sondern zu beantworten.

Betäubender Konsum: Die moderne Form der Unmündigkeit

Wir leben in einer Zeit, in der Betäubung jederzeit verfügbar ist.

Nicht nur Alkohol oder Nikotin. Sondern Ablenkung. Dauerbeschallung. Shopping als Beruhigung. Serien als Sedierung. Empörung als Ersatz für Denken. Das endlose Scrollen als Ritual, um nicht bei sich selbst ankommen zu müssen.

Vierzig Kanäle Spielshows und Trash-TV. Polemik als „Qualitätsfernsehen“ ausgezeichnet, Gladiatorenkämpfe als Event. Dazu Unmengen Kurzvideos im Netz, interaktive Spiele, Nachrichten als Schnellimbiss. Und natürlich alles to go: auf dem Smartphone, jederzeit, überall.

Und zu gerne lassen wir dann andere für uns denken: Talkshow-Gesichter, provokante Vordenker, Reels mit fertigen Urteilen. Es fühlt sich nach Orientierung an – ist aber oft nur eine Abkürzung: konsumentengerechte Kurzhappen.

Das Problem ist nicht Konsum an sich. Das Problem ist Konsum als Narkose.

Denn wer sich betäubt, bleibt steuerbar. Wer sich betäubt, bleibt abhängig. Wer sich betäubt, bleibt – im Kern – unmündig.

Und damit sind wir bei Kant.

Kant, Mündigkeit und der Mut, den eigenen Verstand zu benutzen

Kant definiert Aufklärung als den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Unmündigkeit ist das „Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“. Und „selbstverschuldet“ ist sie, wenn die Ursache nicht im Mangel des Verstandes liegt, sondern in fehlender Entschließung und fehlendem Mut. Darum sein Wahlspruch: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Kant ist dabei gnadenlos realistisch: „Es ist so bequem, unmündig zu sein.“ Und genau diese Bequemlichkeit hat heute unendlich viele Dienstleister.

Nicht zu denken ist oft einfacher.

Das moderne Bürgertum ist historisch aus genau jener Idee entstanden, die Kant beschreibt: Selbstdenken, Selbstverantwortung, Selbstbegrenzung. Es ist die Klasse, die nicht durch Geburt legitimiert ist, sondern durch Leistung, Bildung, Beruf, Eigentum, Pflichtgefühl. Bürgerlich sein hieß: Ich stehe für mich ein. Ich trage Folgen. Ich brauche keine Leitung eines anderen, um erwachsen zu handeln.

Und genau hier liegt der Widerspruch zur Gegenwart.

Denn das, was heute oft als „modernes Bürgertum“ auftritt, ist nicht mehr primär eine Haltung, sondern ein Anspruchs- und Komfortmodell. Es will die bürgerlichen Erträge – Sicherheit, Ordnung, Wohlstand, Anerkennung – ohne die bürgerliche Zumutung: Disziplin, Bewährung, Konfliktfähigkeit, Verantwortungsübernahme. Es möchte Freiheit, aber bitte ohne Risiko. Es möchte Rechte, aber möglichst ohne Pflichten. Es möchte Anerkennung, aber ohne Leistung. Es möchte Gerechtigkeit, aber nach privater Definition – jederzeit einklagbar, jederzeit moralisch abgesichert.

Das ist Kants Unmündigkeit in gutem Gewand: nicht als Dummheit, sondern als Bequemlichkeit.

Der moderne Bürger delegiert nicht mehr nur Aufgaben, sondern Urteilskraft. Er outsourct Denken an Talkshow-Gesichter, an Reels mit fertigen Urteilen, an Milieus, die ihm bestätigen, dass er im Recht ist.

Bürgerlichkeit ohne Mündigkeit ist am Ende nur noch Verwaltung des eigenen Komforts. Kant würde sagen: Man hat Verstand genug – man benutzt ihn nur nicht ohne Leitung.

Und genau deshalb ist Aufklärung 2.0 kein nostalgischer Ruf nach „mehr Bildung“, sondern ein Angriff auf die bequemste Illusion unserer Zeit: dass Erwachsensein eine Stimmung sei. Es ist eine Entscheidung. Und sie kostet.

Politik ist nicht Erlösung – und genau deshalb braucht es Mündigkeit

Politiker suchen Anhängerschaft, damit sie an der Macht bleiben. Das ist kein Skandal, sondern ein Strukturmerkmal.

Jeder Politiker braucht eine Nische, ein Profil, eine Erzählung, die ihn unterscheidbar macht – und die seine Position sichert. Daraus folgt etwas Unbequemes: Sein Job ist nicht in erster Linie, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Sein Job ist, Mehrheiten zu organisieren.

Und Mehrheiten organisiert man selten über den Verstand. Man organisiert sie über Emotion. Über Vereinfachung. Über klare Feindbilder. Über das Versprechen, dass komplexe Realität eigentlich ganz einfach sei – wenn nur „die Richtigen“ entscheiden.

Der frei denkende, aufgeklärte Bürger muss das durchschauen. Er muss merken, wenn nur noch emotional argumentiert wird – glatt, schnell, moralisch aufgeladen – aber außerhalb der oftmals komplexen Realität.

Und er braucht ein intellektuelles Immunsystem dagegen.

Das ist keine Verachtung der Politik. Das ist Respekt vor der eigenen Verantwortung. Denn wer Mündigkeit an Politiker delegiert, wird zwangsläufig enttäuscht. Und wer Enttäuschung zum Weltbild macht, landet im Zynismus.

In einer Demokratie ist der Bürger nicht Publikum, sondern Mitverantwortlicher. Seine Pflicht ist nicht, Politiker zu verehren oder zu verachten, sondern Politik und Politiker so nüchtern wie möglich zu prüfen: Interessen, Argumente, innere Logik, Nebenwirkungen, Realitätsbezug. Und dann – ohne Pathos, ohne Heilsversprechen – zur Wahl zu gehen. Nur so funktioniert das System: nicht durch perfekte Kandidaten, sondern durch mündige Bürger, die Verantwortung nicht delegieren.

Verkommt der Bürger dagegen zum passiven Opfer politischer Verführung, dann stirbt Demokratie nicht in einem großen Knall, sondern leise: als okulte Werbeschlacht um Wählerstimmen, in der Emotionen die Argumente ersetzen und Aufmerksamkeit wichtiger wird als Wahrheit.

Aufklärung 2.0: Eigenverantwortung als Trainingsprogramm

Aufklärung 2.0 bedeutet nicht, dass wir alle Philosophen werden müssen. Es bedeutet, dass wir wieder trainieren, eigenverantwortlich zu handeln. Eigenverantwortung ist kein Talent. Es ist eine Fähigkeit. Und Fähigkeiten entstehen durch Übung.

  • Übung, Dinge zu Ende zu denken.
  • Übung, Entscheidungen zu treffen – auch ohne perfekte Informationslage.
  • Übung, Verantwortung nicht zu delegieren.
  • Übung, Konflikte auszuhalten, statt sie wegzudrücken.
  • Übung, sich selbst zu führen, bevor man andere führen will.

Das ist nicht heroisch. Das ist Alltag.

Aufklärung 2.0 heißt auch: Bildung als Tor zur geistigen Freiheit. Den eigenen Neigungen folgen. Sich nicht betäuben, sondern entwickeln. Arbeit – und Ehrenamt – als Teilhabe und Beitrag begreifen. Und vor allem: die eigene Passivität nicht mit der Dauerentschuldigung „Ausbeutung“ adeln. Ausbeutung existiert. Aber nicht jede Untätigkeit ist Widerstand.

Neugierde ist der Anfang von Freiheit. Tatendrang ist ihre Umsetzung. Wir müssen beides wieder wecken – in uns selbst und in unseren Kindern, Teams, Organisationen. Nicht durch Motivationssprüche. Sondern durch Räume, in denen Denken und Handeln wieder belohnt werden.

  • Weniger Zynismus.
  • Weniger Ausreden.
  • Weniger „Das bringt doch eh nichts.“
  • Mehr Fragen.
  • Mehr kleine Experimente.
  • Mehr Verantwortung im Kleinen.

Denn wer im Kleinen handelt, kann im Großen wieder hoffen.

Hoffnung ist keine Stimmung – Hoffnung ist eine Entscheidung

Und Optimismus ist nicht die Behauptung, dass alles gut wird. Optimismus ist die Entscheidung, dass man selbst wieder handlungsfähig sein will. Deutschland muss nicht neu erfunden werden. Deutschland muss wieder erwachen.

Nicht als nationalistisches Pathos. Sondern als bürgerliche Mündigkeit.

Aufklärung 2.0 ist kein Programm der Regierung.

Aufklärung 2.0 beginnt dort, wo wir den Blick wieder nach vorn richten – nicht als Flucht in Fantasie, sondern als Entscheidung gegen die Betäubung. Eine positive Zukunft ist kein Trostpflaster, sie ist ein Arbeitsauftrag. Und sie ist allemal besser als das Gegenmodell: Konsum als Ersatz für Sinn in der Gegenwart und eine düstere Aussicht auf morgen als Ausrede für Passivität. Wer Zukunft für möglich hält, handelt anders. Wer sie aufgibt, kauft sich nur noch durch den Tag.

Aufklärung 2.0 beginnt bei dir.

  • Bei deinem Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.
  • Bei deiner Bereitschaft, das Leben zu akzeptieren – und trotzdem zu handeln.
  • Bei deiner Entscheidung, dich nicht betäuben zu lassen.
  • Und bei deinem Willen, Bildung, Neugierde und Tatendrang wieder zu trainieren.

Das ist nicht wenig. Das ist alles.


Frank Wiekhorst

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